Wer Warschaus Altstadt durchschreitet, muss stets im Auge behalten, dass es sich nur um eine rekonstruierte Pracht handelt. Tatsächlich ist kaum etwas Originales von Polens Kapitale geblieben, über welche nicht weniger als dreimal das Feuer des Zweiten Weltkriegs hinwegzog.
Der deutsche Überfall auf das östliche Nachbarland, der am 1.September 1939 begann, bedeutete die erste Katastrophe für die slawische Metropole. Warschau war das erste Opfer des Bombenhagels, Jahre bevor dieses Schicksal auch deutsche Städte traf. Zwei Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg, doch unvorbereitet auf eine sofortige massive Konfrontation schloss dies eine aktive militärische Unterstützung des bedrängten Staates nicht ein. Polen blieb allein, und so schloss sich im Laufe der folgenden Jahre immer unerbittlicher der Ring um das jüdische Ghetto.
Als sich dort Gerüchte verstärkten, dass von dem sogenannten Umschlagsplatz sich immer mehr Züge in Vernichtungslager in Bewegung setzten, erhoben sich im April 1943 die der Thora und dem Talmud vertrauenden Menschen, welche bis dahin die Verfolgung durch die Nationalsozialisten geduldig ertragen hatten, gegen die todbringende Fremdherrschaft. Doch zum zweiten Mal umgab bittere Einsamkeit die Kämpfer, erneut blieb allierte Hilfe aus. Die Sowjetunion, selbst ums Überleben kämpfend, hatte unter unvorstellbaren Opfern Rschew und Stalingrad gehalten; England und Frankreich sich auf die Sicherung ihrer nordafrikanischen Kolonien gegen den Feldzug Rommels konzentriert. Nach wenigen Wochen brach der jüdische Widerstand zusammen; das Ghetto wurde ausgelöscht, fast alle seine Bewohner fanden in Auschwitz und Treblinka den Tod.
Lediglich ein kleines Mauerstück in der Ulica Sienna und die düsteren Häuser in der Ulica Prozna, behangen mit Porträtphotographien, legen noch Zeugnis von den Menschen ab, die einst schutzlos ihren Mördern preisgegeben waren. Der jüdische Friedhof lässt das Ausmaß des Verbrechens aber immer noch erahnen; zehntausende von verlassenen Gräbern, deren Jahreszahlen vor 1940 enden, verschluckt langsam, doch unerbittlich der Wald.
Ein Jahr nach dem Untergang von Europas einst größter mosaischer Gemeinde, im August 1944, begann Polens letzter Freiheitskampf gegen die Hitler-Diktatur, diesmal unter der Regie der Heimatarmee. Endlich schienen die Vorraussetzungen zu einem Erfolg gegeben zu sein. Die westlichen Allierten hatten in Frankreich und Italien Fuß gefasst, die Rote Armee stand bereits am rechten Weichselufer, unmittelbar vor den Toren Warschaus. Doch zum dritten Mal gingen Polens Streiter unter, abermals blieb ihnen die Unterstützung der Großmächte versagt. Denn schon deutete sich unter den Allierten an, dass man Polen auf Kosten Deutschlands nach Westen verschieben, den russischen Anteil des Hitler-Stalin-Paktes ohne Wenn und Aber anerkennen würde. Ein aus eigener Kraft zur Freiheit zurückgekehrtes Polen stand einer solchen Neuordnung im Weg.
Die Niederlage der Heimatarmee im Oktober 1944 versetzte dem alten Warschau den entgültigen Todesstoß. Einige Ruinen erinnern bis heute an den verzweifelten Kampf des polnischen Volkes; die ehemalige Nationalbank ziert heute das Symbol der Armee, ein über dem Buchstaben w liegendes P.
Die Einsamkeit des Landes blieb, als unter Stalin eine zweite Herrschaft des Todes hinwegzog, welche die Heimatarmee als Bewegung der Bourgeosie brandmarkte und ihre Kämpfer abermals Konzentrationslagern und Hinrichtungskommandos auslieferte. Daran änderte auch Heinrich von Brentano nichts, welcher in einer feierlichen Rede im Bundestag einmal erklärte, dass er bereit sei, "den Polen zu verzeihen". Derart Ursache und Wirkung verwechselnd, stieß Adenauers Außenminister in Warschau nicht auf große Resonanz, auch wenn die Verbände der Heimatvertriebenen schon 1950 erklärt hatten, auf Gewalt und Revanchismus gegenüber Polen zu verzichten.
Als fast zwei Jahrzehnte später Willy Brandt "unter der Last der deutschen Geschichte" vor dem Denkmal der Helden des Ghettos auf die Knie sank, bedeutete das für unsere Nachbarn noch keineswegs die ungeteilte Wiederanerkennung als vollwertiges Mitglied der europäischen Völkerfamilie. Vor allem Deutsche taten sich mit der Demutsgeste des Bundeskanzlers schwer, witterten mitunter sogar Verrat, war doch Brandt einst nach Norwegen emigriert und hatte von dort aus sich gegen das NS-Regime gewandt.
Erst als Karol Woytila als Johannes Paul II zum Oberhaupt der Katholischen Kirche ernannt, bei seiner Antrittsrede in Krakau die Öffnung des politischen Systems forderte, und dadurch ermutigt, die Gewerkschaft Solidarnosc die Rechte des Volkes von der kommunistischen Regierung einforderte, durfte Polen nach Europa zurückkehren, wurde es von den Ländern, die nach dem Krieg Freiheit und Wohlstand erleben durften, wieder einhellig als Träger der Kultur unseres Kontinents anerkannt.
August 2010
Mit Herta Müller ist erstmalig eine Angehörige der deutschen Minderheit in Rumänien mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden, einer Volksgruppe, welche mehrere Jahrhunderte dort ansässig war, unter Stalin und Ceausescu grausame Verfolgung erfuhr und seit dem Ende der kommunistischen Diktatur weitgehend in ihre urspüngliche deutsche Heimat zurückgekehrt ist. Das Nobelpreiskommitee hob insbesondere die "Landschaften der Heimatlosigkeit" hervor, die Herta Müller in ihrer Poesie und Prosa geschaffen habe, als Konsequenz der sich über viele Jahrzehnte erstreckenden politischen Unterdrückung.
Während meiner Studienzeit in Bochum leitete ich mehrere Jahre den Altenarbeitskreis der katholischen Studentengemeinde. Dort lernte ich eine Angehörige der Banater Schwaben persönlich kennen, welche ihre Jugend im jugoslawischen Teil des Banat, in dem damaligen Städtchen Karlsdorf, verbracht hatte. Sie erzählte mir sehr viel von dieser Zeit und der deutschen Besiedlungsgeschichte der Region, von der hohen Zahl an Malaria- und Hungertoten unter den Siedlern der ersten Generation (so dass der Spruch entstand: "Den ersten der Tod, den zweiten die Not, den dritten das Brot"), bevor die Kolonie aufzublühen begann.
Schliesslich berichtete sie auch von der Stalinzeit, die an den in Jugoslawien lebenden Banater Schwaben genauso wenig vorbeiging wie an ihren rumänischen Leidensgenossen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden alle 18-30 jährigen Deutschen aus Karlsdorf und Umgebung in sowjetische Arbeitslager deportiert, Kinder und Alte wurden von den Verschleppten getrennt und ebenfalls interniert. Nach dreijähriger Gefangenschaft auf einer ukrainischen Sowchose erkrankte sie an Malaria und Typhus, und magerte im Lazarett bis auf 40 kg ab. Nach ihrer Genesung wurde sie nach Deutschland abgeschoben. Ihre beiden Kinder und ihren Vater fand sie wieder, aber ihre Mutter überlebte die sowjetische Internierung nicht.
Doch sie berichtete auch von Menschlichkeit - auch auf russischer Seite. Einmal wurde sie sogar von einem Aufseher getröstet, der ihr in einem günstigen Augenblick anvertraute, dass auch er weit weg von seiner Familie strafversetzt worden sei.
Durch die Entscheidung des Nobelpreiskommitees widerfährt endlich einer Volksgruppe Gerechtigkeit, die unschuldig an dem Aufstieg der nationalsozialistischen Herrschaft und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, dafür grausam in Kollektivhaftung genommen wurde. Mit der Auszeichnung Herta Müllers erkennt eine der weltweit renommiertesten Institutionen an, dass den kommunistischen Opfern des Zweiten Weltkriegs das gleiche Gedenken zusteht wie den nationalsozialistischen.
Oktober 2009
Im November vergangenen Jahres bot sich mir durch zwei aufeinanderfolgende Funknetzplanungskurse in Caracas nicht nur eine Gelegenheit, Freunde wiederzusehen, sondern auch die dortigen landesweit abgehaltenen Kommunal- und Gouverneurswahlen zu verfolgen. Obwohl ich durch meinen früheren Venezuelaaufenthalt mit lautem Wahlkampfgetöse vertraut bin, übertraf das Ausmaß der Propagandaschlacht alle meine Erwartungen. Schon bei der Ankunft in der Halle des internationalen Flughafens verkündete ein überlebensgroßer, in rotem Pullover auftretender Chávez: "¡Venezuela se liberó, y se liberó para siempre (Venezuela hat sich befreit, und hat sich für immer befreit)!"
Dem Präsidentenpullover sollte ich den ganzen darauffolgenden Wochen nicht entgehen. Alle zehn Meter leuchtete er von einem Wahlkampfplakat herab, auf dem sich ein Kandidat der Partido Unido Socialista de Venezuela PSUV (zu welcher seit Chávez Amtsantritt 1998 mehrere Linksparteien verschmolzen sind) vorstellte. Doch nicht nur hinsichtlich des Pullovers, sondern auch der Haartracht übten sich alle PSUV-Kandidaten in sozialistischer Einheit.
Trotz der ungeheuren propagandistischen Anstrengungen trafen Chávez schmerzhafte Querschläger. Zwar fielen 80% aller Bürgermeister- und Gouverneursposten an die PSUV, doch gerade in den wirtschaftlichen Zentren des Landes, der Hauptstadt Caracas und der Erdölregion im Bundesstaat Zulia, war die Opposition stark. Siegreich war auch der Rektor der Universidad de los Andes in Mérida, der sich in den vergangenen Jahres wiederholt massiven Anfeindungen von seitens der Regierungspartei ausgesetzt sah, und nun dennoch den Posten des Oberbürgermeisters innehat.
Die PSUV versuchte mit aller Macht, die Niederlagen herunterzuspielen. Das Regierungsfernsehen Venevision erwähnte keinen einzigen siegreichen Oppositionskandidaten mit seinem Namen. Es hieß in diesen Fällen lediglich, dass die betreffende Kommune nicht "bolivariano" sei, sondern sich "otra tendencia politica (anderer politischer Richtung)" angeschlossen habe.
Noch bedeutsamer wie eine objektive Wahlberichtserstattung ist jedoch, wie es sich mit der unablässig lauthals herausposaunten Aufbauleistung der PSUV verhält. Zumindest in Mérida erscheinen mir die Leistungen der Sozialisten mager. Seit gut zwei Jahren ist der Teleferico, die auf den 4765 m hohen Pico Espejo führende höchste Seilbahn der Welt, außer Betrieb. Den Verlust einer Touristenattraktion mag man noch verschmerzen, nicht aber die Folgen einer völlig irregeleiteten Verkehrspolitik. Die Venezolaner bekommen mit einem Preis von umgerechnet 3 Cent pro Liter das Benzin geradezu hinterhergeworfen, was den Autoverkehr in Mérida seit meinem Aufenthalt von 1998-2000 ungeheuer anschwellen ließ. Tagsüber bilden sich unaufhörliche endlose Staus, jeder Einkauf eines etwa 20 km außerhalb der Stadt wohnenden Freundes in Mérida dauert mindestens 4 Stunden. Zwar gibt es seit einigen Jahren mit dem "Trolmérida" eine Straßenbahnlinie, doch das kleine, nur auf eingleisiger Strecke verkehrende Gefährt kann nur einen winzigen Bruchteil der Mérideños aufnehmen, und das Fahrrad ist wegen der enormen Höhenunterschiede von bis zu fast 1000 m innerhalb des Stadtgebiets kein brauchbares Verkehrsmittel. Auch die Sauberkeit der Stadt lässt zu wünschen übrig, von vielen Fassaden bröckelt der Putz.
Die medizinische Versorgung hat sich hingegen verbessert, auch in ländlichen Regionen werden kleine Krankenstationen eingerichtet. Dass aber aufgrund der guten persönlichen Beziehungen zwischen Chávez und Fidel Castro so viele kubanische Ärzte (die unstreitig gut ausgebildet sind) nach Venezuela geholt werden, dass den Einheimischen nach dem Studium nur noch die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Emmigration bleibt, trifft bei mir auf Unverständnis. Denn sollten die Kubaner eines Tages wieder in ihre Heimat zurückkehren, stünde Venezuela, das nun seinen Nachwuchs verstößt, plötzlich fast ohne eigene Mediziner da.
März 2009
Folgende Geschichte erzählte mir kürzlich der Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. Sie handelte von einem Teppichhändler aus Kabul, der trotz des schwierigen politischen Umfelds erfolgreich war, bis ihn ein neidischer Nachbar als angeblichen Terroristen anzeigte. Drei Jahre verbrachte er daraufhin im Gefangenenlager von Guantánamo; dann endlich erkannten die Amerikaner seine Unschuld an und ließen ihn wieder frei.
Das Teppichunternehmen des Mannes war jedoch inzwischen ruiniert, und seinen zweiten Beruf als Taxifahrer, mit dem er früher Zeiten der Flaute überbrückte, kann er ebenfalls nicht mehr ausüben. Denn in der Haft musste er bei Verhören immer wieder stundenlang knieen, bis die Gelenke unwiderruflich verschlissen waren. Auf eine Entschädigung wartet der ehemalige Händler bislang vergebens.
An rechtliche Normen fühlen sich die USA ganz offensichtlich nicht mehr gebunden. Damit aber laufen sie Gefahr, ihr demokratisch-republikanisches Fundament zu verlieren, und letztendlich der gleichen Barbarei zu verfallen wie ihre Gegner von Al Quaida.
(Oktober 2008)
Verlässt man die Moskauer U-Bahn Station "Platz der Revolution" Richtung Bolshoi-Theater, und wendet sich am Ausgang sofort nach links, stößt man schon nach wenigen hundert Metern auf die tief dunkelrote Mauer des Kreml. Dort, unmittelbar sich dem russischen historischen Museum anschließend, erstreckt sich eine lange, immerwährend von Soldaten gehütete Reihe perfekt behauener und auf Hochglanz polierter Quader aus Marmor. Auf jedem dieser mit weißen und roten Blumen geschmückten Blöcke ist der Name eines Ortes eingemeißelt, der im Großen Vaterländischen Krieg, wie die Russen den zweiten Weltkrieg nennen, besonders viel Leid getragen hat: Leningrad (heute Sankt Petersburg), Minsk, Kiev, Stalingrad (heute Wolgograd), Odessa, Sewastopol, Kertsch, Festung Brest, Novorossijsk, Tula, Murmansk, Smolensk.
Wenige Schritte den Marmorsteinen gegenüber erhebt sich ein hellgrauer Obelisk, welchen noch die Regierung der Russischen Sozialistischen Förderativen Sowjetrepublik errichten ließ. Trotz des ungeheuren Grauens, welches von Deutschland wider den geehrten Stätten ausgegangen ist, stehen an der Spitze des Pfeilers die Namen von 5 Deutschen: Marx, Engels, Liebknecht, Lassalle und Bebel. Rußland war es, das trotz unvorstellbarem Schmerz als Erster die Hand zur Versöhnng ausgestreckt hat.
(September 2007)
Venezuela, ein von der Natur gesegnetes, aber dennoch von Armut heimgesuchtes Land, macht seit der erstmaligen Wahl von Hugo Frías Chávez zum Präsidenten zunehmend durch seinen spektakulären Linksruck von sich reden. Angetreten mit dem Versprechen, die Korruption zu beseitigen und die Lebensbedingungen der Kleinbauern und Arbeiter zu verbessern, übt Chávez seit der Amtübername im Jahr 1998 eine enorm polarisierende Wirkung auf die Gesellschaft aus, die mehr und mehr in zwei unversöhnliche sich gegenüber stehende Blöcke zerfällt.
Der Präsident, der als Kind die Armut am eigenen Leib verspürte, vertritt vehement das Ideal einer wahrhaftigen Befreiung Lateinamerikas, das er in Anlehnung an den führenden Kopf des Kampfes gegen die spanische Kolonialherrschaft die Bolivarianische Revolution nennt. Seiner Vorstellung zufolge wurde Süd- und Mittelamerika kaum jemals wirklich entkolonialisiert, an der Stelle der Abhängigkeit von Spanien trat die Abhängigkeit von Grossbritannien und danach von den USA. Nur eine Abkehr von der geistigen Kultur dieser Mächte, die nach Chávez vor allem durch den Kapitalismus geprägt ist, kann Lateinamerika tatsächliche Souveränität erlangen.
US-amerikanischer Einrichtungen, welche mit einheimischen Eliten Venezuelas kooperieren, liefern in der Tat eine Steilvorlage für die Thesen des Präsidenten. An dem Forschungsinstitut, wo ich von 1998-2000 arbeitete, mussten Studenten wiederholt astronomische Beobachtungen für Wissenschaftler einer renommierten US-Universität durchführen. Das Gehalt für 8-10 Beobachtungsnächte (mit je 10-12 Stunden) pro Monat reichte nicht, um die Miete für ein einfaches Zimmer aufzubringen. Tagungsessen von einheimischen und amerikanischen Forschern fanden oft in sehr teuren Restaurants statt, wodurch die Studenten ausgeschlossen wurden. Dass sich heute dieses Institut als bolivarianisch präsentiert und auf seiner Homepage den Regierungsslogan "Venezuela - ahora es de todos" (heute ist Venezuela für alle da) führt, erscheint mir nicht sehr glaubwürdig.
Doch das Ideal der Bolivarianischen Revolution zerbricht nicht allein an politisch sehr wendigen Führungskräften. Es zerbricht vor allem an Chávez und seinen Anhängern selbst. Die kürzlich erfolgte Schließung eines regierungskritischen Fernsehsenders und die daraufhin ausgebrochenen landesweiten Unruhen haben entgültig aufgezeigt, dass Venezuela aufgehört hat, ein freiheitlicher Staat zu sein. An der Universidad de Los Andes in meinem zeitweiligen Wohnort Mérida rächten sich Chávez-Anhänger an den protestierenden Studenten, in dem sie das Direktoratsgebäude im Stadtzentrum schändeten; nahezu gleichzeitig führten Polizeieinheiten Razzien an der Universität durch. Der Elan der ersten Reformschritte (so wurde 1999 eine neue Verfassung erarbeitet und per Volksentscheid angenommen) ist einer Politik der Gewalt gewichen.
(Juni 2007)
Die Übername des spanischen Unternehmens Endesa durch E.ON ist gescheitert. Nach einem über mehr als ein Jahr sich erstreckenden Tauziehen gab E.ON auf und bescheidete sich mit kleinen Beteiligungspaketen in Spanien, Italien und einigen anderen Staaten. Enttäuschung machte sich in Deutschland breit, sogar Ärger über die bis zum Schluss hartnäckig gebliebene Regierung auf der iberischen Halbinsel.
Die Intervention der spanischen Führung ist aus meiner Sicht jedoch keineswegs zu beanstanden, ja sogar zu begrüßen. Sie hat sich erfolgreich dem zutiefst undemokratischen Mythos entgegengestellt, wonach eine vom Volk frei gewählte Regierung hilflos dem Diktat eines auf den Thron Gottes gehobenen Kapitalmarktes unterworfen sei und auf dem Felde der Wirtschaft nichts mehr bewegen könne. Daran erinnert zu haben, dass die Geschicke einer Gesellschaft durch aktive, entschlossene politische Entscheidungen zu lenken sind, anstatt diese von einer anonymisierten Macht treiben zu lassen - dafür gebührt der spanischen Regierung Dank und Anerkennung.