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Der politische Kommentar
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Als ich den Fuß setzte

auf die Erde des Großen Nordens,

durchfuhr mich ein jähes Beben.

Das Gebirge erzitterte,

der Fels ächzte

auf schwankendem Grund.


Die Luft vibrierte,

ein machtvolles Brausen

kam von den Gipfeln herab.

Der Sturm zog vor mich her,

und eine Stimme rief:

Folge auf meinem Pfad!


Ich fühlte das Gestein pulsieren

in den Adern des Epidotit.

Die schwarze Pupille des Turmalin

schaute fragend zu mir auf.

Die grüne Iris des Kronquit

blickte mich fordernd an.


Da erscholl der Ruf:

Komm herunter von den Zinnen

der kupfernen Bergketten!

Tauche ein in das Leben

meiner Brüder, meines Volkes,

dort unten in meiner Stadt!


Vergeblich suchte ich dort

den Glanz des Metalls.

Sein Licht erlosch

im Staub der steilen Straßen.

Verlor sich in grauen Nebeln

zwischen Wellblech und Lehm.


Die Stimme führte mich zurück

zu den ehernen Thronen.

Stand mir treu zur Seite

in brennenden Einöde.

Ließ mich schauen den Zauber des Onyx,

den vollendeten Kristall aus Pyrit.


In lodernder Wand gedieh

die rote Blüte des Pathioklas.

Wuchs prall heran

die purpurne Frucht des Zinnober.

Bald der Fremde mahnte mich:

Geh fort in eine neue Stadt!


Auf hellem Coprit fielen Schatten

im furchigen Gesicht des Bergmanns.

Das fein polierte Silber floh

von seiner vernarbten Hand.

Und verdarb, ward scheel

in den sauren Schwaden der Fabrik.


Tiefer noch in Atacamas Feuer

geleitete mich der Ruf.

Die glühende Spur überquoll

vom gleißenden Salz.

Der Unsichtbare wartete nicht:

Brich auf in eine dritte Stadt!


Schwärze entstieg

ihrem zerissenen Antlitz.

Ein Tuch aus Asche

lag auf entblößten Baracken.

Der Strahl des Erzes

ging unter in der Finsternis.


Da stieß der Pfad

in das Herz des Landes,

in die Wüste des Salpeters.

Nach Äonen des Komas

dem Todesschlaf entrissen

einen Augenblick.


Laut rief die Stimme

zwischen verlassenen Werkshallen.

Schwoll an das Stakkato

unter zerfallenen Transformatoren.

Vervielfachte sich zu hundert Stimmen,

zu tausend, zu dreitausend.


Die einst hier schufteten für Plastikgeld,

bis eines Tages sich zusammenfanden:

Chilenen, Peruaner, Bolivianer,

Weiße, Mestizen, Aymarás.

Und singend nach Iquique zogen,

um dort zu fallen, um dort zu sterben.


Und die Dreitausend sprachen:

Geh heim zu deinen Brüdern,

Tue kund unser Leiden!

Entreiße dem Vergessen

unser Verlangen, unser Dürsten,

nach der Flamme der Gerechtigkeit!


Mit diesem Gedicht rufe ich die 1993 unternommene Reise durch die Atacama-Wüste in mein Gedächtnis zurück und nehme dabei Bezug auf eine der größte Tragödien der chilenischen Geschichte: Das Massaker von Iquique, bei dem im Jahre 1907 etwa 3000 für bessere Arbeitsbedingungen protestierende Salpeterarbeiter ums Leben kamen. Da sich unter den Streikenden zahlreiche peruanische und bolivianische Staatsangehörige befanden, und die Beziehungen zwischen Chile und seinen nördlichen Nachbarn durch den damals erst 23 Jahre zurückliegenden Pazifikkrieg noch immer sehr belastet waren, hatte sich die chilenische Regierung in einem Geheimabkommen die Rückendeckung Perus und Boliviens eingeholt, um den Streik gewaltsam niederschlagen zu können.

Das Staatsverbrechen wurde zu einem schwarzen Loch in der offiziellen Geschichtsschreibung, ganz besonders zur Zeit der Militärregierung Pinochets. Als ich drei Jahre nach dem Ende der Diktatur in Iquique verweilte, erwähnte das Museo Regional die verheerendste Katastrophe der Stadtgeschichte noch immer mit keinem einzigen Wort.

Mai 2009


Chilenische Mineralien



Lausche dem erhabenen Schweigen,

Unter dem grünen Baldachin.

Vernimm die majestätische Ruhe,

Geborgen vom dunklen Dach.


Folge dem Atem, dem Pulsieren der Birken,

Fühle den Odem, die Sanftheit der Kiefern.

Lasse Stille in Dir werden,

Wie im schilfumstandenen See.


Horch, wie der Wind streicht,

Über die smaragdenen Hügel.

Und tanze mit in den Wogen,

gleitend auf tausend kleinen Sonnen.


Wie das Gedicht vom Oktober 2008 enstand auch dieser Text 1996 unter dem Eindruck meiner Reise nach Estland.


April 2009


Tiefe Waelder



Eine Stadt willst Du sein,

Doch der Mesetas Einsamkeit

Hat Dich überwältigt,

Deine Straßen leergefegt,

Ist vorgedrungen

Bis in dein verlassenes Herz


Wie gut, dass Du da wenigstens

Die Teufelchen noch hast,

Die kleinen Mädchen mit schwarzen Zöpfen

Im bescheidenen Restaurant.

Herumtollend und lachend,

Ganz unberührt

Von den lautlosen Tafelbergen,

Sind sie dein Lebensquell,

Dein Schutz und Stab

In der stillen Unermeßlichkeit.


1997 verweilte ich auf einer Reise durch Patagonien einige Tage in diesem kleinen, von einer kargen Tafelberglandschaft umgebenen Städtchen. Es wäre in der Tat so schweigsam wie die Berge gewesen, wären da nicht die Töchter und Nichten der Wirtin gewesen.


März 2009


Die Teufelchen von Sarmiento



Heimat sanfter, grüner Hügel,

zwischen denen hundert blaue Augen zwinkern.

Zu Hause weiter, endloser Ebenen,

wo das Leben in unzähligen Adern pulst.

Hort dunkler, dichter Wälder,

über deren Sümpfe jeder Hauch erstirbt.


Gemächlich stampft der Zug

durch die nordische Landschaft,

deren Antlitz das wandernde Eis einst schuf.

Wo Vanemuine zur Harfe sang

und Kalevipoeg das Leben

der freien Bauern schützte.


Doch als der edle Sänger verstummt,

der ruhmreiche Riese verstorben,

erschien an des westlichen Meeres Gestade

ein neuer Gott.

In der Linken hielt er ein Kreuz, des Lebens Baum.

In der Rechten aber ein Schwert, des Todes Sproß.


Denn nicht den Gefangenen

Freiheit zu verkünden war er gekommen,

noch den Zerschlagenen Hoffnung.

Sondern die Freien

in die Gefangenschaft zu führen,

und ihre Hoffnung zu zerschlagen.


Siebenhundert Jahre vergingen,

ehe der Degen zerbrach,

frei wurde wieder das Volk.

Doch nur für einen Wimpernschlag.

Schon trat an des östlichen Sees Ufer

ein weiterer Gott.


Um seinen Leib schlang er ein rotes Gewand

mit schwefligem Hammer und Sichel.

Auf seinem Haupt trug er

als Krone einen Wachtturm.

In seinen Händen

ein Zepter aus Stacheldraht.


Denn nicht den Arbeitern

Wohlstand zu verkünden war er gekommen,

noch den Bauern Land.

Sondern das Volk

zu vertilgen durch Arbeit,

russische Städte zu bauen an seiner statt.


Weit schweift mein Blick

über Wiesen und Felder.

Manchmal trifft er ein Dorf,

ein stolzes Gehöft.

Die dunklen Nebel lichten sich,

ein neuer Morgen zieht herauf.


Der Gott des Ostens

hat sich jetzt zurückgezogen.

Frei bist Du wieder, estnisches Volk!

Mögest Du finden

bei Vanemuines und Kalevipoegs Hügeln

den Gott:


Der verkündet den Gefangenen Freiheit,

den Zerschlagenen Hoffnung,

den Arbeitern Wohlstand

und den Bauern Land!


Diese die Geschichte Estlands von den eiszeitlichen Anfängen bis zur Unabhängigkeit von der Sowjetherrschaft umspannende Ode verfasste ich 1996, als ich im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts vier Wochen in Tartu verweilte. Als junges Mitglied der Europäischen Union befindet sich das Land auf gutem Wege, doch die vor kurzem aufgetretenen Spannungen zwischen Esten und Russen um ein umstrittenes Denkmal in Tallinn zeigen, dass die Wunden der Vergangenheit noch nicht verheilt sind. Auch Deutschland ist gegenüber den Esten als Agressor aufgetreten: Fast 300 Jahre regierte dort der Deutsche Orden, und die Hitler-Diktatur hat nach dem Einmarsch in die UdSSR die Unabhängigkeit des Landes auch nicht wieder hergestellt. Von den auswärtigen Herren haben allein die Schweden ein gutes Ansehen erworben, in dem sie schon im 17.Jh. sozialstaatliche Reformen durchsetzten, beispielsweise leibeigenen Bauern erstmals den gerichtlichen Klageweg gegen ihre Grundherren eröffneten.


Oktober 2008


Estland




Neutrinos sind ganz winzig all,

die Welt für sie nur ein luftiger Ball.

Sie dringen selbst in Lichtjahre Blei

wie Photonen durch ein Fenster ein.


Sie kommen aus dem Sonnenofen,

wo der Blick uns sonst verborgen.

Doch ach wie schwer, sie einzufangen!

Nichts im Detektor an den meisten Tagen!


Und wenn doch eins hängenbleibt,

der Physiker mit Freuden eilt.

Doch als es endlich zum Zählen reicht,

er fassungslos vor Schreck erbleicht.


Die Sonne funktioniert nicht mehr!

Zu wenig ist's, was sie gibt her!

Und doch auch heut fällt auf uns ein,

wie jeden Tag ihr Lichterschein.


Wissenschaftliche Publikationen sind heutzutage oft sehr trocken formuliert, die literarischen Ansprüche der Autoren meist bescheiden. In früheren Zeiten war dies anders, so verfasste Giordano Bruno viele seiner philosophischen Werke in Gedichtform, Galileo Galilei legte seine Erkenntnisse oft in Dialogen nieder. Auch spätere Forscher, beispielsweise Alexander von Humboldt und Charles Darwin, legten Wert auf hohe sprachliche Qualität.

Mit diesem Gedicht will ich an die Tradition erinnern, wonach eine tiefergehende Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte auch einer angemessenen Sprache bedarf. Wenn auch das Rätsel der fehlenden Sonneneutrinos mittlerweile gelöst scheint, ist das Anliegen des 1997 entstandenen Gedichts, Wissenschaft und Literatur miteinander zu verbinden, weiter aktuell.


September 2008


Neutrinos




Ein Stern springt aus der fixen Bahn,

den eig'nen Weg zu gehn.

Und langt im weiten Osten an,

wo rauhe Winde wehn.


Ein Berg löst sich vom festen Platz,

ganz leicht zieht er davon.

Und kommt in eine große Stadt

am blauen Dnjepr-Strom.


Ein Mann bricht auf in Finsternis,

wird selbst zum glühenden Stern.

Er zündet an ein helles Licht,

die Freiheit ist nicht mehr fern.


Ein Volk steht auf aus Niedertracht,

wird selbst zum gewaltigen Berg.

Hält aufrecht für die Wahrheit Wacht,

vollendet singend das Werk.


Dieses Gedicht schrieb ich 2004 unmittelbar unter dem Eindruck der orangenen Revolution, welche ich (da ich zu der Zeit einen Kurs in Kiev hielt) hautnah miterlebte. Auch wenn inzwischen in der Ukraine Ernüchterung eingekehrt, und Janukovitsch als Führer der stärksten Parlamentsfraktion ein legales Comeback gelungen ist, so bleibt mir die einzigartige Atmospäre jener Tage dennoch unvergessen.


Juli 2008 


Vision in Kiev