Mit diesem Gedicht rufe ich die 1993 unternommene Reise durch die Atacama-Wüste in mein Gedächtnis zurück und nehme dabei Bezug auf eine der größte Tragödien der chilenischen Geschichte: Das Massaker von Iquique, bei dem im Jahre 1907 etwa 3000 für bessere Arbeitsbedingungen protestierende Salpeterarbeiter ums Leben kamen. Da sich unter den Streikenden zahlreiche peruanische und bolivianische Staatsangehörige befanden, und die Beziehungen zwischen Chile und seinen nördlichen Nachbarn durch den damals erst 23 Jahre zurückliegenden Pazifikkrieg noch immer sehr belastet waren, hatte sich die chilenische Regierung in einem Geheimabkommen die Rückendeckung Perus und Boliviens eingeholt, um den Streik gewaltsam niederschlagen zu können.
Das Staatsverbrechen wurde zu einem schwarzen Loch in der offiziellen Geschichtsschreibung, ganz besonders zur Zeit der Militärregierung Pinochets. Als ich drei Jahre nach dem Ende der Diktatur in Iquique verweilte, erwähnte das Museo Regional die verheerendste Katastrophe der Stadtgeschichte noch immer mit keinem einzigen Wort.
1997 verweilte ich auf einer Reise durch Patagonien einige Tage in diesem kleinen, von einer kargen Tafelberglandschaft umgebenen Städtchen. Es wäre in der Tat so schweigsam wie die Berge gewesen, wären da nicht die Töchter und Nichten der Wirtin gewesen.
In der Linken hielt er ein Kreuz, des Lebens Baum.
In der Rechten aber ein Schwert, des Todes Sproß.
Denn nicht den Gefangenen
Freiheit zu verkünden war er gekommen,
noch den Zerschlagenen Hoffnung.
Sondern die Freien
in die Gefangenschaft zu führen,
und ihre Hoffnung zu zerschlagen.
Siebenhundert Jahre vergingen,
ehe der Degen zerbrach,
frei wurde wieder das Volk.
Doch nur für einen Wimpernschlag.
Schon trat an des östlichen Sees Ufer
ein weiterer Gott.
Um seinen Leib schlang er ein rotes Gewand
mit schwefligem Hammer und Sichel.
Auf seinem Haupt trug er
als Krone einen Wachtturm.
In seinen Händen
ein Zepter aus Stacheldraht.
Denn nicht den Arbeitern
Wohlstand zu verkünden war er gekommen,
noch den Bauern Land.
Sondern das Volk
zu vertilgen durch Arbeit,
russische Städte zu bauen an seiner statt.
Weit schweift mein Blick
über Wiesen und Felder.
Manchmal trifft er ein Dorf,
ein stolzes Gehöft.
Die dunklen Nebel lichten sich,
ein neuer Morgen zieht herauf.
Der Gott des Ostens
hat sich jetzt zurückgezogen.
Frei bist Du wieder, estnisches Volk!
Mögest Du finden
bei Vanemuines und Kalevipoegs Hügeln
den Gott:
Der verkündet den Gefangenen Freiheit,
den Zerschlagenen Hoffnung,
den Arbeitern Wohlstand
und den Bauern Land!
Diese die Geschichte Estlands von den eiszeitlichen Anfängen bis zur Unabhängigkeit von der Sowjetherrschaft umspannende Ode verfasste ich 1996, als ich im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts vier Wochen in Tartu verweilte. Als junges Mitglied der Europäischen Union befindet sich das Land auf gutem Wege, doch die vor kurzem aufgetretenen Spannungen zwischen Esten und Russen um ein umstrittenes Denkmal in Tallinn zeigen, dass die Wunden der Vergangenheit noch nicht verheilt sind. Auch Deutschland ist gegenüber den Esten als Agressor aufgetreten: Fast 300 Jahre regierte dort der Deutsche Orden, und die Hitler-Diktatur hat nach dem Einmarsch in die UdSSR die Unabhängigkeit des Landes auch nicht wieder hergestellt. Von den auswärtigen Herren haben allein die Schweden ein gutes Ansehen erworben, in dem sie schon im 17.Jh. sozialstaatliche Reformen durchsetzten, beispielsweise leibeigenen Bauern erstmals den gerichtlichen Klageweg gegen ihre Grundherren eröffneten.
Wissenschaftliche Publikationen sind heutzutage oft sehr trocken formuliert, die literarischen Ansprüche der Autoren meist bescheiden. In früheren Zeiten war dies anders, so verfasste Giordano Bruno viele seiner philosophischen Werke in Gedichtform, Galileo Galilei legte seine Erkenntnisse oft in Dialogen nieder. Auch spätere Forscher, beispielsweise Alexander von Humboldt und Charles Darwin, legten Wert auf hohe sprachliche Qualität.
Mit diesem Gedicht will ich an die Tradition erinnern, wonach eine tiefergehende Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte auch einer angemessenen Sprache bedarf. Wenn auch das Rätsel der fehlenden Sonneneutrinos mittlerweile gelöst scheint, ist das Anliegen des 1997 entstandenen Gedichts, Wissenschaft und Literatur miteinander zu verbinden, weiter aktuell.
Dieses Gedicht schrieb ich 2004 unmittelbar unter dem Eindruck der orangenen Revolution, welche ich (da ich zu der Zeit einen Kurs in Kiev hielt) hautnah miterlebte. Auch wenn inzwischen in der Ukraine Ernüchterung eingekehrt, und Janukovitsch als Führer der stärksten Parlamentsfraktion ein legales Comeback gelungen ist, so bleibt mir die einzigartige Atmospäre jener Tage dennoch unvergessen.